Von Dr. Reinhard Knodt, geschrieben für:
Deutschlandradio Kultur Berlin
Politisches Feuilleton /Frau Kalmar
Neue Architektur bringt sich aus naheliegenden Gründen gern ein, wo am Altehrwürdigen renoviert wird. Der politische Meinungsstreit darüber, inwieweit das Altehrwürdige – sagen wir die Museumsinsel in Berlin – dann durch das Neue , verbessert, zerstört, konterkariert, oder neu definiert wird, nennt man „architektonischen Diskurs“ – . Solch ein Diskurs findet im Moment in Berlin statt, und er dreht sich letztlich darum, ob man den alten Eingang des Pergamonmuseums durch einen neuen ersetzt, wobei man das Gebäude von der Seite aufbrechen und durch ein Regendach – Pardon! – durch die neue „James Simon Galerie“ - betreten wird.
Das Aufbrechen von Repräsentationsgebäuden von der Seite mit daraus abgeleiteten Denkspielen für die Architektur hat seine Tradition. Die Londoner Nationalbibliothek hat jüngst eine großzügige Umbauung erhalten, die das Innere zum Zitat des Äußeren macht. Am Germanischen Nationalmuseum Nürnberg entstand durch Aufbrechen von der Seite die „Straße der Menschenrechte“ Dani Karavans, wobei der ursprüngliche Eingang des Museums zur kaum mehr wahrgenommenen historistischen Skurrilität verkam. Eine andere Variante dieses Prinzips war der Bau des „Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände“ bei dem das alte Nazi Kollosseum seitlich aufgebrochen und mit einem Keil aus Glas und Stahl durchstoßen wurde.
Das Prinzip solcher Umgestaltung ist eine Gewichtsverschiebung weg vom ehemals „Ehrwürdigen“ und jetzt eben Fragwürdigen – bei gleichzeitiger Akzentuierung dessen, was man heute als „leicht“, „transparent“, unprätentiös, “ und eben deswegen als architektonisch wertvoll, bzw. dem demokratischen Lebensgefühl irgendwie angemessen empfindet. Die Verknüpfung der transparenten Architektursprache mit demokratischen Tugenden hat dabei auch schon ihre Tradition, zumindest seit Egon Eiermann und Sepp Ruf 1957 den Pavillon der Bundesrepublik Deutschland in Brüssel als transparente Pavillongruppe aus Beton Glas und Stahl anlegten. Deutschland wäre damit, wie man heute in so mancher Architekturgeschichte liest, von dem Ruch seiner nationalsozialistisch geprägten Vorkriegsarchitektur befreit worden.
Nichts Neues am Kupfergraben also. Schon gar nichts, was mit Athen, Mies van der Rohe oder der „Dignität einer Tempelstadt“ zu tun hätte, wie Peter Klaus Schuster , der Generaldirektor der staatlichen Museen jetzt äußerte. Es ist politisch korrekte Mainstream-architektur mit klarem Zweck und sie wird auch politisch korrekt durchgesetzt, - nämlich diskursiv. Die Rolle der „Modernen“ übernehmen bei diesem Spiel diejenigen die den repräsentativen Zugang zum Pergamon-Museum zumauern. - Jenen Eingang bei dem der Besucher zunächst über eine Brücke und sodann über einen offenen Raum tatsächlich auf eine Art „Tempel“, nämlich die Nachbildung des Pergamon-Altars in der Dachsilhouette des Museumsbaus zuschritt.
Die Rolle der Anciens, bzw. der Verteidiger des Alten übernehmen dann die, für deren Augen der neue Entwurf eine Entwürdigung des ehemals Würdigen ist. Eine Verlierer-Rolle natürlich - denn das ehemals Würdige ist eben auch schon das Fragwürdige, und es kann sich – dies vor allem – als eine ästhetische Empfindungsqualität kaum diskursiv gegen so viel gutgemeinte Richtigkeit in der neuen Architektursprache durchsetzen.
– In den italienischen Stadtgesellschaften der Renaissance demonstrierten gewisse Familien seinerzeit Macht und Reichtum durch den Luxus, mitten in der Stadt vor ihren Häusern Plätze frei zu lassen – sozusagen die Übereignung des an sich kostbaren Raumes an die Öffentlichkeit. Dass man von dieser Art Raumverständnis auch heute nicht all zu weit entfernt ist, beweist ein Statement Chipperfields. – In Anspielung auf den Planungsprozess zum Kupfergrabenareal bekannte er in einem Interview nämlich das Folgende: „Während dieses Prozesses haben wir uns immer gefragt: Was ist der Zweck dieses Gebäudes? Der Begriff Eingangsgebäude war ebenso hilfreich wie hinderlich. Wir haben gemerkt, dass wir Funktionalität durch Nichtfunktionales konterkarieren müssen. Es entsteht eine Art positiver Nutzlosigkeit, indem das Gebäude einfach einen Raum bildet.........“
Was wäre Böses dabei, fragt man sich, dem Architekturbüro Chipperfield die Auflage zu machen, statt ein Gebäude „positiver Nutzlosigkeit“ jenen Raum wieder herzustellen, den die Berliner hier einst zur Verfügung hatten? Als Kompromisslösung könnte man fordern, den alten und den neuen Eingang gleichberechtigt zu lassen – damit die Menschen selber entscheiden, ob sie das Pergamonmuseum demnächst in Würde betreten wollen oder in „positiver Nutzlosigkeit“.